Hochsensitiv - Hochbegabt - Synästhet ?
Hochsensitiv - Hochbegabt - Synästhet ?

Die (bunte) Welt der Synnies

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Farb-Graphem-Synästhesie

Hierbei werden Buchstaben und/oder Zahlen mit Farben belegt. Ein Zeichen hat immer dieselbe Farbe. Es ist beobachtet worden, dass die Buchstaben eines Wortes alle unterschiedliche Farben haben, solange das Wort noch nicht bekannt ist. Je geläufiger es wird, desto mehr nimmt das gesamte Wort oder auch nur die erste Silbe die Farbe des ersten Buchstabens an.

Diese Synästhesieform gilt als sehr häufig. Ich gehe aber davon aus, dass sie nur zu den bekanntesten zählt, weil sie für Synästheten und Außenstehende (Wissenschaftler) offensichtlich ist. Zudem ist dieses Thema für die Medien sehr interessant, weil es für die Darstellungsarten unendlich viele bunte Möglichkeiten gibt und so das Interesse der Leser und Zuschauer gefesselt werden kann.

 

Musik-Farb-Synästhesie (Farbenhören)

Das so genannte Farbenhören wurde bisher als häufigste Art der Sinnesverschmelzung festgestellt, wobei eine Farbe oder eine geometrische Form fest mit einem bestimmten Ton verbunden ist.

Auch hierbei gehe ich nicht davon aus, dass es sich tatsächlich um die häufigste Synästhesieform handelt. Begründung wie oben.

 

Sequenz-Raum-Synästhesie (Time-Space-Synästhesie)

Dies ist eine visuelle Synästhesieform. Bei dieser Form von Synästhesie ist es möglich, dass man sich Formen und Figuren vor dem geistigen Auge oder in einem peripersonalen Raum eindrücklich vorstellen und gar sehen kann. Die Zeit-Raum-Synästhesie ist bemerkenswert, weil sie diesen Synästheten erlaubt, Zeitintervalle visuell und sequentiell zu kartographieren. Eine Woche kann dabei auf einer Ellipse arrangiert werden, welche wiederum in einer Darstellung für ein Jahr verwoben sein kann. Diese Art der Synästhesie ist nach der Synästhesieforscherin Julia Simner eine Synästhesie höherer Ordnung, weil Sequenzen einem höheren Verarbeitungsniveau zugeordnet werden. Bemerkenswert ist, dass es diesen Synästheten möglich ist, innerhalb dieser mentalen Visualisierungen die Perspektive, den Ausschnitt sowie die Größe der Abbildung zu variieren. Die Figuren werden größtenteils in einem dreidimensionalen Raum wahrgenommen, was diese Manipulationen ermöglicht.

Der Großteil der Synästheten dieses Typus hat ein visuelles Vorstellungsvermögen für Zeiteinheiten, Zahlen und Buchstaben.

Neben Vorteilen im Erinnern von Ereignissen sind diese Synästheten ebenfalls besser in visuellen Aufgaben. Sie können räumliche Anordnungen besser erinnern, 3D-Objekte anhand von 2D-Bildern besser erkennen und ihr visuelles Kurzzeitgedächtnis ist erheblich besser, als bei Nicht-Synästheten. Sie haben die Fähigkeit, abstrakte Konzepte in konkrete Darstellungen zu transferieren. Durch die mentale Repräsentation des inneren Kalenders haben diese Synästheten die Möglichkeit, leichter auf Gedächtnisinformationen zuzugreifen, was ihnen in Bezug auf das episodische und autobiografische Gedächtnis erhebliche Vorteile verschafft. In extremen Fällen können sie ihren inneren Kalender einer Inspektion unterziehen und die Information direkt ablesen.

Sie sind in der Lage, ihre Fähigkeiten auf neue Aufgaben zu transferieren und können Objekte besser aus dem Gedächtnis visuell imaginieren. Deshalb besitzen sie erhebliche Vorteile mentale Bilder zu kreieren.

Simner sieht einen Zusammenhang zur Wahrnehmungsform der Propriozeption (Fühlen der inneren Organe), was bei mir insbesondere bezüglich der Kardiosensibilität (Fühlen des eigenen Herzschlages) auch zutrifft.

Diese Synästhesieform wurde bereits vor über 100 Jahren beschrieben, geriet aber wieder in Vergessenheit. Die erste neuere Veröffentlichung stammt von Dr. Jamie Ward u. a. und ist aus dem Jahr 2008. Dr. Julia Simner publizierte 2009 darüber. Aus dieser Publikation ist auch diese Beschreibung. An dieser Stelle möchte ich auf ein sehr außergewöhnliches und höchst beeindruckendes Buch zu diesem Thema hinweisen. Es ist von Matthias Neumann, der ebenfalls diese Synästhesie hat. Zu finden auf www.vonmatthias.de.

Auf der Seite der Uni Zürich ist diese Form unter „Zahlenformen-Synästhesie“ (ursprüngliche Bezeichnung) als seltene Form erwähnt. Ich denke, dass diese Form häufiger vorkommt, als man glauben mag. Weil sie für Synästheten selbst nicht so offensichtlich ist, nicht so spektakulär, weil sie nicht bunt und oft unbewusst abläuft. Obwohl sie auch bunt sein kann.

In ihrer Untersuchung stellte Dr. Simner fest, dass etwa 10% der Männer und der Frauen (der Anteil der Frauen ist geringfügig höher), die keine Farb- oder Geschmackssynästhesie haben, von der Sequenz-Raum-Synästhesie betroffen sind. Damit erhöht sich der Anteil der Synästheten an der Gesamtbevölkerung um ein Vielfaches.

Ich selbst habe diese Synästhesie und fast mein ganzes Leben nichts davon gewusst. Ich empfand meine Art zu denken immer als ganz normal und unspektakulär und dachte die ganze Zeit, das sei bei allen Menschen so oder ähnlich. Ich denke, das geht vielen oder allen Menschen mit dieser Synästhesieform so und deshalb erscheint sie selten.

Oben sehen Sie eine Abbildung, wie ein Kalender eines Synnies aussehen kann. Dieser ist farbig dargestellt, das muss aber nicht bei jedem so sein.

 

(Spiegel-)Berührungs-Synästhesie

Hierbei fühlen die Synästheten eine Berührung, die sie bei anderen sehen, deutlich am eigenen Körper. Wenn sie selbst an einer anderen Stelle berührt werden, als sie es im selben Moment bei einer anderen Person sehen, können sie oftmals nicht (auf Anhieb) sagen, wo sie selbst berührt worden sind. Dies ist auch an den entsprechenden Hirnaktivitäten nachweisbar.

Das Einfühlungsvermögen dieser Synnies ist viel stärker ausgeprägt als bei Nicht-Synästheten. Berührungs-Synästheten haben ein besseres Bauchgefühl für die Empfindungen anderer. Der Grund soll die Überaktivität ihrer Spiegelneurone sein.

Alle Menschen besitzen diesen Spiegel-Mechanismus. Berührungs-Synästheten sind mit anderen Menschen jedoch emotional enger verbunden, weil dieser Mechanismus bei ihnen stärker ausgeprägt ist

Die Entdeckung dieser Synästhesieform ist noch recht neu. Erst 2005 von Dr. Jamie Ward u. a. entdeckt. Dr. Ward glaubt, dass diese Synästhesieform viele Menschen betrifft, sie aber eben nicht als Synästhesie verstanden und erkannt wird, sondern als ausgeprägte Empathie oder „zu viel“ (Mit-) Gefühl. Aber da gibt es einen Unterschied, den viele nicht kennen. Vor allem nicht die Synästheten, die dies betrifft.

Hier fällt mir ganz stark auf, dass alle HSM von einer ausgeprägten Empathie berichten, zum großen Teil Horror und Gewalt im Fernsehen und in der Realität strikt ablehnen. Genau dies beschrieb auch eine Probandin von Dr. Ward.

Und auch ich kann z. B. den Schmerz anderer Menschen manchmal am eigenen Leib spüren, wenn ich es bei ihnen sehe. Das geschieht nicht oft und ich gehe bei mir davon aus, dass ich ein Vermeidungsverhalten entwickelt habe, weil es mir einfach nur zu nahe geht. Ebenso kann ich mich mit anderen derart mit freuen, dass mir die Tränen kommen. Empathie, übersteigerte Emotionen oder Synästhesie? Diese Frage kann man wohl, wenn überhaupt, nur mit einem fMRT beantworten.

 

Schmerz-Synästhesie

Manche Menschen sehen Schmerz farbig und/oder in speziellen Formen. Dabei können unterschiedliche Schmerzen (z. B. Bauch-, Kopfschmerzen) unterschiedliche Farben/Formen in unterschiedlicher Intensität haben. Stechende Schmerzen können z. B. eine gelbe, zackige Form und dumpfe Schmerzen eine braune, runde Form haben. Zahnschmerzen können blau sein oder Verbrennungen grell orange.

Unter diesen Synästheten gibt es auch solche, die Schmerz nicht (nur) sehen, sondern (auch) hören können. Hierbei haben unterschiedliche Schmerzen auch unterschiedliche Töne.

 

Personen-Farb-Synästhesie

Einige Synästheten sehen farbige "Auren" um Personen herum (komplett oder auch nur teilweise, z. B. um den Kopf). Diese können unterschiedliche Farben und Formen haben, und auch mit der Stimmung des Synästheten oder der des Gegenübers zusammen hängen. So können manche Synästheten mit dieser Synästhesieform z. B. "sehen", in welcher Stimmung sich ihr Gegenüber gerade befindet. 

Andere mit dieser Synästhesieform sehen oder empfinden einen Menschen komplett als farbig. Zitate von Synästheten: "Die Farbe leuchtet aus dem Menschen heraus"; "Der Mensch fühlt sich gelb an".

Der Ausdruck „Indigo-Kind“ (blaue Aura) ist auf einer solchen Synästhesie begründet.

 

Ordinal-Linguistic-Personification-Synästhesie

Diese Form der Gefühlssynästhesien ist laut Prof. Emmrich (MH Hannover,emerit.) die synästhetische Ankoppelung von Gefühlszuständen und Affekten an sinnliche Wahrnehmungsmodalitäten wie Sehen, Schmecken, Riechen. Hierbei geht es um eine innere sinnliche Bebilderung (Repräsentation) von Emotionen und Affekten. Es ist also die synästhetische Personifizierung von Zahlen und Buchstaben oder auch Tagen, Jahreszeiten, Monaten und bei manchen auch von Gegenständen.

Dabei werden diese Dinge mit einem Geschlecht belegt (die 1 ist männlich, der Mai weiblich) und/oder ihnen eine eigene Persönlichkeit zugeordnet (die 7 ist zickig, der Freitag ist ein alter freundlicher Herr). Das Denken an Buchstaben, Zahlen, Tage, etc. ruft ganz spezifische Wahrnehmungen von Geschlecht und/oder Persönlichkeit hervor.

Prof. Dr. Hinderk Emmrich publizierte über diese Synästhesieform in Verbindung mit vielen anderen, u. a. auch Dr. Julia Simner, in 2009 in dem Buch „Synästhesie der Gefühle“. Auch der berühmte Savant und Asperger-Autist Daniel Tammet nimmt Zahlen als Formen, Farben und Charaktere wahr.

Ich denke, dass auch diese Form der Synästhesie recht häufig vorkommt. Und auch hier vermute ich, dass diese Synästheten gar nicht wissen, dass das eine Synästhesie ist.

Für mich war z. B. die 7 immer schon arrogant, zickig, unsympathisch und die 3 ein rosiges rundes Baby. Diese Synästhesie ist bei mir nicht besonders ausgeprägt. Vielleicht habe ich sie auch einfach nur vergessen. Ich kann mich aber noch erinnern, dass ich als Kind große Schwierigkeiten hatte, das 7er 1x1 auswendig zu lernen. Es wollte mir einfach nicht im Kopf haften bleiben und ich hatte eine große Abneigung, überhaupt mit dem Auswendiglernen anzufangen.

Und natürlich habe ich niemandem davon erzählt. Was hätten denn andere von mir gedacht, wenn ich – immer schon etwas „anders“ – auch noch von einer zickigen 7 und einer rosigen runden 3 berichtet hätte…?

 

Wort-Geschmack- oder -Geruch-Synästhesie

Bei dieser Form lösen bestimmte Wörter Geschmäcker oder Gerüche aus. Das kann sich auch auf Personen beziehen, wenn man davon ausgeht, dass auch Namen Wörter sind. So kann z. B. Herr Maier nach Windeln schmecken oder Felicitas nach Veilchen, eine Glaskaraffe mit einem Rosenduft verbunden sein und ein Messer nach Kuchen riechen.

An der Universität in Zürich untersuchte Prof. Lutz Jäncke eine Synästhetin, die Töne nicht nur farbig wahrnimmt, sondern sie auch riechen kann.

 

Ticker-Tape-Synästhesie

Hierbei visualisieren die Synästheten eine Art „Untertitel“. Ähnlich wie die laufenden Hochrechnungen, die bei der Fernsehberichterstattung des Wahlabends in einem Band am unteren Bildschirmrand zu sehen sind („Wahl-Ticker“). Während sich diese Synästheten mit jemandem unterhalten, läuft in ihrem Kopf immer dieses Band, dieses Tape, mit. Auch diese Form kann in ihrer Wahrnehmung variieren. Einige Synästheten sehen den gesprochenen Text, als läsen sie ihn Zeile für Zeile in einem Buch mit, manche „tippen“ den Text auf einer imaginären Tastatur mit. Anderen erscheint er in Form von Sprechblasen wie bei einem Comic, und bei manchen können diese Sprechblasen je nach Gefühlslage des Gegenübers ihre Form verändern.

 

Berührungs-Emotions-Synästhesie

Bei Synästheten mit dieser taktilen Synästhesie-Form löst das Berühren alltäglicher Gegenstände starke Gefühle aus. Die meisten Menschen fassen glatte, weiche oder flauschige Gegenstände gerne an, wohingegen das Berühren rauer, kantiger oder scharfer Dinge eher negative Gefühle in ihnen auslöst. Bei Synästheten sind die starken Empfindungen beim Berühren von Gegenständen nicht unbedingt an diese allgemein üblichen Assoziationen gekoppelt. So kann zum Beispiel die Berührung von Stroh größte Glücksgefühle auslösen und die von Seide ein Ekelgefühl, das bis zum Brechreiz oder gar Erbrechen führen kann. Auch bei dieser Synästhesie-Form ruft die Berührung eines Gegenstands immer dasselbe Gefühl in immer derselben Intensität hervor. 

 

Weitere Formen

Über die genannten verbreiteteren Arten hinaus wurden so gut wie alle anderen Sinneskombinationen beschrieben, darunter das Schmecken von Formen (Cytovic „The man who tasted shapes“), das Fühlen von Noten und das Hören von Temperaturen oder auch Geschmäckern. Erst kürzlich erzählte mir eine Bekannte, dass sie immer singen oder summen möchte, wenn sie isst, weil sie beim Essen Töne hört.

Eine andere Synästhetin berichtete, dass sie nicht mit Zahlen umgehen könne, weil manche zu laut sind und sehr unangenehme Töne verursachen. Deshalb war sie immer schlecht in Rechnen und Mathematik.

Ferner ist bisher ein Fall von Audiomotor-Synästhesie (Positionen hören) bekannt. Bei dieser Form hört der Synästhet durch einige Wörter die Körperposition, die er dann einnehmen „muss“.

 

Wie ich schon erwähnte, gibt es fast unendlich viele Verknüpfungsmöglichkeiten unserer Sinne. Alle Kombinationen sind denkbar. Laut Ward et al. gibt es 176 mögliche Synästhesien. 

Bisher steckt die Forschung noch in den Kinderschuhen und es ist für Wissenschaftler auch nicht einfach, „neue“ Synästhesieformen zu entdecken und zu erforschen. Dazu bedarf es mit Sicherheit Menschen, die an sich selbst Dinge beobachten, die eine Synästhesie sein könnten und das dann auch noch anderen mitteilen. Ein Wissenschaftler kann das ja von außen nicht sehen. Er ist darauf angewiesen, dass solche Menschen öffentlich davon berichten, will er es nicht dem Zufall überlassen. 

Ich möchte Sie an dieser Stelle ermutigen, in sich hinein zu hören, sich einmal zu beobachten, gerade wenn sie keine Farben sehen. Die anderen Synästhesieformen sind teilweise sehr subtil. Es lohnt sich!

 

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© Eliane Reichardt