Hochsensitiv - Hochbegabt - Synästhet ?
Hochsensitiv - Hochbegabt - Synästhet ?

Gar nicht so selten!

Synästhesien sind weiter verbreitet, als Sie vielleicht denken mögen.

 

In den Medien ist meistens von Farben oder Tönen die Rede und solche Synästhesien sind auch nicht sehr häufig. Vermutlich erscheinen sie nur so, weil die Wissenschaft ihren Focus darauf richtet. Künstler und Musiker haben oft Farb- oder Tonsynästhesien. Ich persönlich gehe davon aus, dass Synästhesien besonders in diesen Bereichen, ob bewusst oder unbewusst, maßgeblich an der Berufswahl beteiligt sind. Die Schätzungen der Häufigkeiten gehen hier weit auseinander; von 1 bis 7 oder gar 10% wird gesprochen.

 

Die Sequenz-Raum-Synästhesie (auch Time-Space-Synästhesie, veraltet: Zahlenformen- synästhesie) hingegen soll etwa 10% der Bevölkerung betreffen. Jedoch beschäftigen sich vergleichsweise nur wenige Forscher damit. Auch von weiteren Formen liegen nur wenige Daten vor, obwohl davon auszugehen ist, dass sehr viele Menschen eine Gefühlssynästhesie haben. Einige Synästheten personifizieren Zahlen, Buchstaben oder auch Monate. Sie ordnen ihnen ein Geschlecht zu oder gar Charaktereigenschaften, nehmen die selbst aber gar nicht als Synästhesie wahr. Wenn Ihnen beispielsweise der Juni weiblich erscheint und vielleicht etwas flatterhaft wirkt, dann gehört dies in den Bereich der Synästhesie

 

Ebenso verhält es sich bei der Schmerzsynästhesie. Wenn unterschiedliche Schmerzen unterschiedliche Farben oder Formen haben oder jeder Schmerz einen eigenen Geschmack hat, dann sind diese Sinne miteinander verknüpft und man spricht von Synästhesie. Dasselbe gilt für andere Emotionen. Liebe, Wut, Trauer zum Beispiel können Farben, Formen, Gerüche oder Geschmäcker hervorrufen und auch das bekannte Aura-Sehen ist eine Form der Synästhesie.

Interessant ist auch die Spiegel-Berührungs-Synästhesie, die man daran erkennt, dass Berührungen, die andere erfahren (auch Schmerzen oder Verletzungen), am eigenen Leib an derselben Stelle spürbar sind, als hätte man sie selbst erfahren.

 

Über solche Dinge spricht kaum jemand. Weil diese Synästhesie immer schon da war, ist es für Betroffene schlicht normal und ihnen selbst mitunter gar nicht bewusst.

 

Ich hingegen frage meine Klienten immer nach ihren Wahrnehmungen. Dabei habe ich die Erfahrung gemacht, dass es sich manchmal nicht so leicht gestaltet, etwas herauszufinden, denn Betroffene selbst glauben oft nicht, dass sie Synästhet sein könnten und versuchen z. B. farbig gesehene Buchstaben mit einer Assoziation aus Kindertagen zu erklären wie beispielsweise, dass die „1“ auf der Tastatur der Kasse ihres Kaufladens blau war. In manchen Fällen hat sich herausgestellt, dass die „1“ eben nicht blau war, sondern der Betroffene dies schon als Kind so wahrgenommen hat. Diese Erkenntnis wird im weiteren häufig als Erinnerungsschwäche gedeutet. Er ist aber dennoch nicht in der Lage, die „1“ anders als blau zu sehen und glaubt, das sei schlicht Gewohnheit.

 

Zur Verdeutlichung hier eine Aussage eines sensitiven Hochbegabten, der von sich selbst nicht glaubte, Synästhet zu sein:

 

„Auch ich denke in Zahlenmustern. Für mich ist es eine logische Denkmusterreihe, die ich brauche, um mich zu orientieren. Alles in meinem Leben hat mit Zahlenmustern und mit den dazu gehörigen Bildern zu tun. Sage mir Namen, die kann ich mir nicht merken. Gib mir ein Geburtsdatum oder eine Telefonnummer und ich ordne sie in ein Schema ein. Ich lerne nichts auswendig, alles hat seinen Platz in meinem Hirn. Ich verpasse (fast) nie Termine, weil ich ständig ein Raum-Zeitmuster im Kopf habe, was auch permanent bildlich da ist.– Das soll eine Synästhesie sein?“

 

Ich selbst kann nicht so ganz nachvollziehen, warum einige Menschen gar nicht wissen möchten, ob sie Synästhet sind oder nicht oder dies sogar weit von sich weisen. Auch die Synästhesie ist ein Geschenk und wenn man weiß, dass man selbst Synästhet ist, kann man lernen, diese Fähigkeit auch bewusst und gezielt einzusetzen. Weg-„trainieren“ oder „-therapieren“ kann man sie freilich nicht. Sie ist angeboren.

 

Hinzu kommt, dass es auch heute noch viele Synästheten gibt, die nichts von ihrer Fähigkeit wissen, in gewisser Weise sogar leiden. Vielleicht unter zu vielen Reizen, oder unter ihrer „Andersartigkeit“, die ihnen ja keinesfalls verborgen geblieben ist.

 

Manchmal werden synästhetische Wahrnehmungen vom Umfeld als "Spinnerei" abgetan und es scheint kaum möglich zu sein, sich zu rechtfertigen. Wie soll man beweisen, dass ein "H" lila ist?

 

In der Forschung wird von „den Synästheten“ gesprochen. Auch, weil sie gewisse gemeinsame Persönlichkeitsmerkmale aufweisen, deren Kenntnis und Verständnis für jeden Einzelnen durchaus wichtig sein kann.

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© Eliane Reichardt