Hochsensitiv - Hochbegabt - Synästhet ?
Hochsensitiv - Hochbegabt - Synästhet ?

Heimatplanet

An dieser Stelle möchte ich gern einige Stimmen von HS/HB/Synästheten veröffentlichen. Diese Berichte sind alle ECHT. Ich habe sie teilweise leicht abgewandelt und stelle sie hier natürlich anonym zur Verfügung, um meine Klienten zu schützen.

Gerne veröffentliche ich auch Ihre Geschichte, Ihre Eindrücke an dieser Stelle. Scheuen Sie sich nicht, mir eine Email zu schicken!

Ich war ein zurückgezogenes Kind. Konnte stundenlang irgendetwas basteln und habe die Welt darüber vergessen. Es gab Cliquen in der Schule, ich gehörte keiner an, ich wurde auch nicht ausgegrenzt, ich gehörte einfach nur am Rande dazu weil das meiste mich nicht so interessiert hat. Ich empfand viele Leute als unlogisch, so wie "Sehen die das denn nicht, ist doch sonnenklar". Erinnerungen an meine frühe Kindheit beinhalten das Gefühl von absolutem Frust, weil ich etwas sagte und meine Mutter mich nicht verstand. Ich konnte immer schon Leute „lesen“, also ich komme in einen Raum und weiß, wer mit wem und welche Atmosphäre herrscht, anderseits kann ich die Welt vergessen und eine Bombe könnte einschlagen ich würde es nicht merken weil ich mich auf irgendetwas das mich interessiert konzentriere. Ich empfinde viele Menschen als roh oder irgendwie fehlgeleitet, ich meine das im Sinne von wie sie Probleme wälzen, wenn die Lösung doch so offensichtlich ist. Es geht irgendwie in die Seele, kann das nicht wirklich beschreiben. Ich habe Mühe, nach Vorlage zu arbeiten, ich mache sie lieber selbst. Ich falle auf, nicht weil ich mich komisch kleide oder merkwürdig aussehe, sondern weil ich ich bin. Ich habe mich immer im Kern gespürt. Es scheint mir, dass für mich manchmal Sachen transparent sind, wo es für andere undurchsichtig  ist. Ich sehe und höre irgendwie viel. Nuancen. Ich habe auch die ausgeprägte Empathie, die mit HS einhergeht, zudem die Stabilität die HS anscheinend auch hat, die Loyalität, … Ich würde nie jemanden "verraten", weil es schlicht undenkbar ist, jemandem so etwas anzutun.

Irgendwie war ich schon immer anders. Ich fühlte mich durchgehend unverstanden und hatte das Gefühl, mich erklären zu müssen. Oft waren die Reaktionen von Kollegen und Freunden komisch, auf mein Denken und Handeln wurde mit Kopfschütteln reagiert. Dinge, die für mich ein Problem waren, waren für meine Umgebung völlig unproblematisch und umgekehrt. Ich bekam oft gesagt, ich solle nicht so empfindlich sein und nicht alles so persönlich nehmen. Irgendwie spürte ich, ich ticke anders . Ich wusste nur nicht, warum. Man hat mich gefragt, warum ich so langsam bin. Das war ich nicht, ich sah und korrigierte bei meiner Arbeit Fehler, die andere nicht sahen. Ich dachte, ich hätte den falschen Job. Mir wurde klar, ich brauchte einen Job, in dem ich meine Zeit freier einteilen kann, Arbeitsabläufe selbst strukturieren und  kontrollieren – eben insgesamt selbstständiger arbeiten. Als ich die Chance nutzte, meine Talente besser einzubringen und die Abteilung wechselte. war das die große Wende. Nicht nur für mich, sondern auch für „mein“ Unternehmen.  Heute bin ich viel entspannter.

…da denke ich an meinen letzten Arbeitgeber: meine Vorgängerin soll bis spät am Abend über der Arbeit gesessen haben. Ich musste mutwillig ganz langsam arbeiten, um den Tag irgendwie rumzubringen . Das war jeden Tag eine Quälerei.

Ich wurde schon früh in der Pubertät zum Psychologen geschickt und „diagnostiziert“. Deshalb habe ich  keine Ausbildung. Ich verbrachte mehr Zeit in psychologischer Behandlung (auch stationär), als zuhause. Diese Therapien halfen aber nicht. Sie machten mich nur noch unsicherer. Irgendwann habe ich mir selbst geholfen. Erst heute, nachdem ich meine HS entdeckt habe, weiß ich,  wie sehr ich an mir vorbeigelebt habe. Ich habe mich aus eigenem Antrieb in vielen Bereichen (aus)gebildet, aber eine für mich sinnvolle und meinen Fähigkeiten entsprechende Arbeit zu finden, scheitert an fehlenden  Zeugnissen (dabei weiß ich in manchen Gebieten mehr, als jemand mit Ausbildung) und (natürlich?) am Alter.

Und dennoch stelle ich fest: (nicht nur) mir wohnt eine Stärke inne, die unglaublich scheint. Meine Hochsensitivität hat mich mit Fähigkeiten ausgestattet, aus den schlimmsten Erfahrungen - gemessen an anderen -  noch recht unbeschadet hervorgehen zu können.

Wenn wir alle es wagen würden, in die Öffentlichkeit zu gehen, würden “die anderen” erkennen, wie hilfreich wir sein können. Wir denken ganzheitlich, übergreifend.  Uns fällt auf, wenn etwas komplizierter gemacht wird, als es ist. Wir schauen eben ganz selbstverständlich „über den Tellerrand“. Dieses Potential muss doch genutzt werden!

Schon als Kind konnte ich Menschenansammlungen nicht leiden und bin nie besonders gern zur Kirmes oder sonstigen außerhäuslichen  „Massenveranstaltungen“ gegangen. In meiner Kindheit waren die längst noch nicht so groß wie heute. Kinderspiele wurden mir schnell langweilig und ich hielt mich lieber bei den Erwachsenen auf und lauschte deren Gesprächen. Dass ich laute oder auch permanente leise Geräusche nicht haben kann, ist mir so nie bewusst gewesen. Ich habe mich nur oft selbst gewundert, warum ich von einen Moment auf den anderen unwillig, ja sogar verbal aggressiv werden konnte. War ich doch sonst ein sehr ruhiger, ausgeglichener Mensch. Meine erste Schulfahrt in eine Jugendherberge zeigte mir, dem Starken, sehr deutlich, dass ich mich in einer fremden Umgebung nur langsam eingewöhne. Es machte mir sehr viel aus, nicht in meiner gewohnten Umgebung zu sein, in meinem eigenen Bett schlafen zu können. Dass ich extrem auf Berührungen reagiere, habe ich auch erst spät bewusst wahrgenommen. Ich mag es nicht gern, von Fremden berührt zu werden und diese „Küsschen-Generation“ ist mir schon beim Zusehen zuwider.

Wobei in engen Beziehungen diese Berührungsempfindsamkeit ausschließlich von Vorteil ist weil ich damit auch viel geben kann.

Auch meinen ausgeprägten Geschmackssinn habe ich nicht bewusst wahrgenommen. Ich habe lediglich fest gestellt, dass man mich für verrückt hielt, wenn ich schon einen Tag vorher schmeckte, dass die Milch sauer oder die Butter ranzig würde. Auch dass ich eine ausgesprochene Empathie habe und Stimmungen spüren kann, habe ich verdrängt, weil ich, wenn ich es einmal äußerte, zu hören bekam: „Hörst du sie wieder kommen…?“

All diese Dinge und noch mehr habe ich Zeit meines Lebens an die Seite geschoben, verdrängt. Das hat mir vielleicht hier und da das Zusammenleben mit meinem Umfeld erleichtert, aber es hat mir nicht das Gefühl genommen, anders zu sein und es hat zu einer inneren Unsicherheit geführt. Lange Zeit traute ich meinen eigenen Wahrnehmungen nicht.

Seit ich weiß, dass ich HS bin (und typischerweise etwas länger gebraucht habe, bis ich HB auch annehmen konnte) weiß ich, dass es für mich einen "Heimatplaneten" gibt. Ich habe echt nirgends dazu gehört und andere weder verstanden, noch mich verstanden gefühlt.

Es ist so einfach, wenn man zu den 90 % gehört, seine Sichtweisen bestätigt zu bekommen, sich in Gruppen unter Seinesgleichen und damit geborgen und gestärkt zu fühlen, seine Wahrnehmung für "die richtige" zu halten und weder irritiert noch verunsichert zu sein, wenn einem alle Jubeljahre mal eine abweichende Sichtweise begegnet.

Die ganze Ratgeberliteratur, die Psychotherapien, die Soziologie, das Meiste, was ich gelesen habe, um mich und meine Irritationen zu verstehen, gehen vom "Normalmenschen" aus. Durch diese Brille betrachtet, war ich einfach nicht gesund, sondern zu ... irgendwas, über...-irgendwas, und weil der Sonderfall HS/HB dabei nie auftauchte, habe ich mich selbst auch so gesehen.

All den Schwachsinn, den ich mir in dieser letzten destruktiven Beziehung angetan habe, geht auf diesen Irrtum zurück. Er hatte es so leicht mit mir.

Eine Zeit lang habe ich mir das vorgeworfen, mich dafür sehr geschämt und geglaubt, ich müsse hart, rational und misstrauisch werden.

Aber ich bin HS/HB, nicht dependent, bedürftig oder naiv. Mit diesem neuen Wissen über mich und die Unterschiede zwischen mir und dem, was ich bislang für normal und gesund hielt, kann ich meine Fähigkeiten als Geschenk betrachten und mich dieses Schatzes erfreuen.

Ich weiss jetzt, dass ich meine emotionale Tiefe und mein großes Herz dosieren kann, und entscheiden, ob ich meine Fähigkeit, dank meiner feinen Antennen mein Gegenüber tief zu spüren und, wenn es passt und ich den Mut habe, es auch anzusprechen, ganz schnell Vertrauen und Nähe zu schaffen, gerade einbringen will, oder ob ich lieber meine Ruhe will.

Ich kann jetzt erst mal mich fragen: "Was bringt dir das? Willst du das zu deiner Freude, oder nur weil du kannst und der andere es vielleicht braucht?"

Ich kann jetzt erkennen, dass ich nicht ungeduldig bin, sondern, im Gegenteil sehr geduldig, so oft wie ich schon erklären oder warten musste, bis etwas, was für mich sonnenklar war, endlich auch beim Gegenüber ankam.

Mir ist klar, dass ich tatsächlich auf Impulse stark anspreche, also einfach weniger Impulse zu- und an mich heran lassen möchte. Ich verstehe, warum Chefs oder Trainer mir oft zu krass sind, während der Rest des Teams einfach weiter döst.

Und ich verstehe, warum ich solche Sehnsucht danach hatte, irgendwo dazu zu gehören, eine von "wir" zu sein, gesehen und verstanden zu werden.

Warum es für mich wichtig ist?

Oh, einfach weil es mich vom Kopf auf die Füße gestellt hat.

Davon zu erfahren, andere Lebensgeschichten zu hören, hat mir so unglaublich gut getan. DAS ist Heimatplanet, das verstehe ich und erkenne mich wieder. Danke dafür.

Als ich erfuhr, dass ich einen "unnormalen" IQ hatte war ich erst sehr glücklich: endlich war der Schuldige an meiner Misere gefunden - nun musste er nur noch eliminiert werden. Doch schnell kam das Erwachen: wenn man seinen Intellekt verstecken/sich anpassen will, geht das gründlich in die Hose. Ich brauchte nochmal 20 Jahre um zu bemerken, was ich da für einen Schatz geschenkt bekommen habe und welche großartige Verpflichtung ich damit habe.

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© Eliane Reichardt