Hochsensitiv - Hochbegabt - Synästhet ?
Hochsensitiv - Hochbegabt - Synästhet ?

Geschichte - einmal anders

Ein Persönlichkeitsmerkmal kann natürlich keine Geschichte haben, sondern nur einen Sinn. Aber Entdeckungen haben eine Geschichte.

 

Ent-deckung heißt ja nicht, dass jetzt plötzlich etwas Neues da ist, sondern, dass etwas immer schon da gewesenes aufge-deckt wird. Die Decke, unter der es verborgen war, wird abgenommen und es wird sichtbar. Und so ist es auch mit dem Persönlichkeitsmerkmal der Hochsensitivität. Natürlich hat es das immer schon gegeben. Bei Menschen und auch bei Tieren.

 

Nun braucht es für Entdeckungen immer jemanden, der sich mit einem Thema auseinandersetzt, dem Ganzen einen Namen gibt und dann möglichst auch noch in die Öffentlichkeit bringt. Das hat die zu recht Pionierin genannte amerikanische Psychologin Prof. Dr. Elaine N. Aron getan. Sie hat sich in den 1990er Jahren die Mühe gemacht, ein möglichst vollständiges Bild von Hochsensitivität zu zeichnen, das Ganze für jedermann verständlich aufgeschrieben und dann ganz laut und ganz lange „getrommelt“. Ungeachtet dessen, ob sie ernst genommen wird oder damit ggf. sogar ihren Ruf als seriöse Psychologin gefährden könnte. Sie hat nicht locker gelassen und tut es bis heute nicht. Und dafür gebührt ihr allergrößte Achtung und Respekt!

 

Doch dieses Persönlichkeitsmerkmal wurde in seiner ganzen Komplexität schon viel früher entdeckt. Hier bei uns in Deutschland! Allerdings ist dem bis heute keine oder nur wenig Beachtung geschenkt worden.

 

Die meines Wissens älteste umfassende Forschung zu Sensitivität - und zwar unter exakt diesem Begriff - gibt es bereits seit Mitte des vorletzten Jahrhunderts.

 

Dr. Carl Ludwig Friedrich Freiherr von Reichenbach (1788 – 1869) war Chemiker, Naturforscher und Philosoph. Er entdeckte unter anderem das Paraffin und das Benzin, bevor er sich mit der Erforschung wissenschaftlicher Grenzgebiete beschäftigte. Bereits 1854 schrieb er seine erste ausführliche Abhandlung über den besonders begabten sensitiven Menschen und sein Verhalten zum Ode (=Lebenskraft). Bis 1858 erschienen weitere zwei Bücher von ihm zu diesem Thema. Er stellte viele Verhaltensweisen und Empfindungen der Sensitiven Menschen in seinen ersten beiden Bänden auf über 1700 Seiten (!) ausführlich dar und belegte seine Erkenntnisse mit hunderten von Versuchen.

Unter anderem beschrieb er Merkmale wie

 

  • Abneigung gegen Massenveranstaltungen und zu viel körperliche Nähe
  • Geräuschempfindlichkeit
  • schlechte Verträglichkeit intensiver Gerüche
  • Temperaturempfindlichkeit
  • häufiges Auftreten von Migräne und Magenschmerzen
  • ausgeprägte Empathie für Menschen und Tiere
  • intensive Gemütsbewegungen (Emotionen)
  • Schreckhaftigkeit
  • Ruhelosigkeit, ständiger Bewegungsdrang (auch geistig)
  • Hellsichtigkeit
  • Hellhörigkeit
  • eine besondere Beziehung zum Mond
  • Auswirkungen von Metallen und Farben auf (Sinnes-)Wahrnehmungen und Emotionen
  • Neigung zu „gebundenem“ Sprachgebrauch (Reime, Verse, Gedichte)

Insgesamt beschreibt er sensitive Menschen so:

 

„Und so finden sich am Ende die sensitiven Dispositionen eines Menschen in seinem Gemüte, namentlich in seinem Temperamente abgespiegelt. Man kann von seiner Art und Weise, in allen Dingen im Leben sich und sein Inneres auszuprägen, mit gegründetem Rechte auf sein sensitives oder nicht sensitives Naturell schließen. Reizbarkeit, Lebendigkeit, Feinheit des Gefühls zeichnen die Sensitiven aus. Dagegen verraten sie Beweglichkeit, Wandelbarkeit, die bisweilen in Launenhaftigkeit übergeht und weniger allgemeine Kräftigkeit des Geistes, als dies Nichtsensitiven zuzukommen pflegt.“

 

Die Entdeckungen des Freiherrn von Reichenbach bezüglich der sensitiven Menschen scheinen wenig bekannt zu sein. Wohl auch, weil er damit bei anderen Fachleuten „in Ungnade“ fiel. Nichts desto trotz ist es eine erstaunlich akribische Arbeit und unter Berücksichtigung der Zeit, in der sie entstand (vor 160 Jahren!) und der Möglichkeiten, die damals zur Verfügung standen, durchaus als wissenschaftlich fundiert (empirisch) anzusehen. Nach eigenen Angaben hat er über 200 Sensitive untersucht. Aufgrund der altertümlichen Sprache und auch des Ideenreichtums bezüglich der Versuche erheiternd, erhellend und allemal lesenswert!

 

Die Bücher stehen bei googlebooks kostenlos zum Download zur Verfügung.

Infos: http://de.wikipedia.org/wiki/Karl_von_Reichenbach

 

Anm.: Zu diesem Zeitpunkt gab es das Fachgebiet der Psychologie noch nicht an Universitäten.

 

Und es gibt weitere Forschungsarbeiten zur Hochsensitivität, die vor langer Zeit unter dem Titel „Der sensible Mensch“ veröffentlicht wurden:

 

So beschreibt Eduard Schweingruber, Theologe, Pfarrer und Therapeut, in seinem 1935 erschienenen Buch „Der sensible Mensch - Psychologische Ratschläge zu seiner Lebensführung“ sehr deutlich und ausführlich das Wesen von Hochsensitiven Menschen unter der Begrifflichkeit des „Sensiblen“. Im wesentlichen fasst er die Besonderheiten von sensiblen Menschen wie folgt zusammen:

  • Eine leichte und zu intensive Ansprechbarkeit auf Eindrücke und übermäßige Erregbarkeit von manchen oder allen Empfindungen, Gefühlen und Trieben.
  • Ein zu leichtes Eintreten von Kompliziertheiten im Verarbeiten der Affekte und Hinderungen im Abklingen der Affekte.
  • Eine intensive Auswirkung von Affektvorgängen auf die körperlichen Funktionen.
  • Umgekehrt auch eine zu intensive Rückwirkung von körperlichen Funktionen auf das Affektleben.

 

In den 1970er Jahren schrieb Prof. Dr. med. Wolfgang Klages, damaliger Universitätsprofessor für Psychiatrie an der RWTH Aachen, wohl die erste Monografie (=Fachbuch) über HSM.

 

Mit seinem Buch „Der sensible Mensch“, das 1978 erstmals erschien, richtete er sich an ein medizinisches Fachpublikum. In diesem Buch beschreibt er seine Erfahrungen, die er in Jahrzehnten therapeutischer Arbeit gesammelt hatte. Er benennt und beschreibt viele der Merkmale, die HSM zu eigen sind. Leider kennen die wenigsten das Buch von Herrn Klages.

 

In seinem Vorwort macht er bereits auf die Dringlichkeit dieses Themas aufmerksam:

Die Beschäftigung mit den Problemen des sensiblen Menschen in Forschung, Lehre und Praxis wird umso dringlicher, je stimulationsreicher im Zuge der zeitgeschichtlichen Entwicklung die technisch geprägte Welt wird. Früher noch gut kompensierte sensible Menschen zeigen in zunehmendem Maße ins Psychopathologische gehende Verhaltensweisen. Vielleicht ist es daher kein Zufall, dass dieses Thema auf dem Erfahrungsgut von zwei Jahrzehnten basierend in den letzten 10 Jahren gedanklich heranreifte. …“

Insbesondere grenzt er hohe Sensibilität und Hochsensibilität (!) gegen Psychopathologien ab und warnt das Fachpublikum davor, die hohe Sensibilität zu ignorieren. Auch er beschreibt sehr deutlich, wie schon Schweingruber, dass und warum eine auf die Sensibilität abgestimmte Therapie so wichtig ist. Und dass bei entsprechender Beachtung der Sensibilität eine Therapie oftmals nicht nötig ist, sondern lediglich Aufklärung und ggf. Anleitung (Anm.: heute „Coaching“).

 

Prof. Dr. Klages sieht eine organische Ursache von hoher und Hochsensibilität. Für ihn ist es eine Schwäche des Thalamus, der für die Filterung von Reizen verantwortlich ist.

Im Buch beschreibt er auch den damaligen Forschungsstand zum Thalamus und der dort angesiedelten „Schwäche“.

Auch diese beiden Bücher sind leider nicht mehr erhältlich. Mit ein wenig Glück kann man sie bei online-Buchhandlungen vielleicht gebraucht bekommen, oder in einem Antiquariat.

 

Seit Elaine Aron ins Deutsche übersetzt wurde, sind im deutschsprachigen Raum reichlich Bücher zu diesem Thema erschienen. Im Großen und Ganzen beschreiben diese Bücher dasselbe, wie das (oder die) von Elaine Aron. Ich persönlich habe nur in wenigen etwas wirklich Neues gelesen, muss allerdings dazu sagen, dass ich seit Sommer 2011 auch nicht mehr jede Neuerscheinung über dieses Thema lese.

Dennoch halte ich es für wichtig, dass es viele Bücher von vielen Autoren zu diesem Thema gibt, denn nicht jedes Buch ist etwas für jeden, was der eine mag, muss der andere noch lange nicht mögen. Und das ist gut so.

 

Eine Auswahl dieser Bücher finden Sie in der Literaturliste.

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© Eliane Reichardt